Die 5 Rollen im KI-Marketing-Team
Boris Cherny vom Claude-Code-Team sieht fünf Archetypen, in die Engineering, Design und Produkt verschmelzen. Ich habe das Modell aufs Marketing übersetzt: Prototyper, Builder, Sweeper, Grower, Maintainer — und was jede Rolle in einem KI-getriebenen Team konkret tut.
Job-Titel sagen im Marketing immer weniger über die tatsächliche Arbeit aus. Wer KI ernsthaft einsetzt, merkt: Die saubere Trennung zwischen SEO, Content, Paid und Design löst sich auf — eine Person macht heute Dinge, für die es vor drei Jahren noch drei Stellen brauchte.
Boris Cherny aus dem Claude-Code-Team bei Anthropic hat dazu eine Beobachtung formuliert, die mir nicht mehr aus dem Kopf geht. Er schreibt, dass Engineering, Produkt, Design und Data Science zu einer neuen Art von Rolle verschmelzen — und dass er in seinem Team fünf Archetypen sieht, die quer zu den klassischen Job-Funktionen liegen. Ein Designer kann Archetyp 1 sein, ein Engineer Archetyp 3, ein PM Archetyp 4. Den ganzen Original-Post findest du auf X.
Ich habe das Modell aufs Marketing übersetzt. Denn was Boris fürs Produkt-Engineering beschreibt, passiert im Marketing gerade genauso — nur dass kaum jemand die Sprache dafür hat.
Warum Rollen mehr taugen als Job-Titel
Die fünf Archetypen sind nicht an eine Stelle gebunden. Sie beschreiben, wie jemand arbeitet, nicht was auf der Visitenkarte steht. Genau das macht sie für moderne Marketing-Teams brauchbar: KI hat die Werkzeuge so verbilligt, dass die alte Arbeitsteilung — der eine schreibt, der andere designt, der dritte schaltet Ads — nicht mehr der natürliche Schnitt ist.
Der natürliche Schnitt verläuft jetzt entlang der Frage: Erschaffst du Neues, baust du es aus, hältst du es schlank, lässt du es wachsen, oder hältst du es am Laufen? Fünf Antworten, fünf Rollen.
1. Der Prototyper — viele Ideen, wenig Ballast
Boris' Prototyper wirft ständig neue Ideen raus, von denen die meisten nie shippen. Im Marketing ist das die Person, die fünfzehn Hook-Varianten testet, zwanzig Reel-Konzepte durchspielt, jedes neue Tool am Erscheinungstag ausprobiert. Drei von zwanzig Ideen funktionieren — und genau dafür ist die Rolle da.
Der Prototyper misst sich nicht an fertigem Output, sondern an Lerngeschwindigkeit. Er lebt im KI-Dauertest: neue Bildmodelle, frische Custom GPTs, das nächste Video-Tool. Wer hier gut ist, hat ein Gespür dafür, welche Idee Substanz hat und welche nur neu glänzt. KI ist sein Verstärker, weil ein Konzept heute in Minuten steht statt in Tagen. Welche KI-Prompts fürs Marketing dabei wirklich tragen, ist eine eigene Disziplin — und genau das Spielfeld dieser Rolle.
Die Gefahr: Ein Team aus lauter Prototypern produziert ein Feuerwerk, das nie landet. Deshalb braucht es Nummer 2.
2. Der Builder — aus der Idee wird ein System
Der Builder nimmt einen Prototyp und macht daraus etwas Belastbares. Schnell. Im Marketing heißt das: aus dem funktionierenden Hook wird eine skalierbare Kampagne, aus dem einmaligen Newsletter-Erfolg eine wiederholbare Strecke, aus der cleveren Idee ein Workflow, der auch ohne den Erfinder läuft.
Diese Rolle baut die Maschine hinter dem Marketing: Automationen, Templates, Redaktionssysteme, Tracking-Setups. Sie denkt in Prozessen, nicht in Einzelstücken. Und sie ist die Rolle, die von Agenten-Tools wie Claude Code im Marketing-Alltag am meisten profitiert — weil sich genau hier wiederkehrende Arbeit in Code und Automatisierung gießen lässt.
Ein Builder ohne Prototyper baut perfekt durchdachte Systeme für Ideen, die niemand getestet hat. Ein Prototyper ohne Builder verliert jede gute Idee wieder. Die beiden gehören zusammen.
3. Der Sweeper — wegräumen statt draufpacken
Boris' Sweeper vereinfacht die Oberfläche, entfernt Funktionen, optimiert Performance. Das ist die im Marketing am meisten unterschätzte Rolle. Während alle „noch eine Kampagne" rufen, sagt der Sweeper: weglassen.
Er löscht tote Landingpages, kürzt den aufgeblähten Tool-Stack, stoppt Kampagnen, die seit Monaten nichts liefern, räumt Brand-Inkonsistenzen weg. Er fragt bei jedem neuen Vorschlag zuerst, was dafür gehen kann. In einer Welt, in der KI das Produzieren fast gratis macht, wird das Weglassen zur eigentlichen Kunst — weil die Menge an mittelmäßigem Content sonst explodiert.
Ein gutes Zeichen für einen reifen Marketing-Apparat: Es gibt jemanden, dessen Erfolg daran gemessen wird, wie viel er abschaltet.
4. Der Grower — am Laufenden drehen
Der Grower nimmt etwas, das bereits gebaut ist, und iteriert es Richtung Wirkung. Im Produkt heißt das Product-Market-Fit. Im Marketing heißt es: einen funktionierenden Kanal nehmen und an den Stellschrauben drehen, bis er deutlich besser performt.
Das ist die Rolle der A/B-Tests, der Conversion-Optimierung, der Newsletter-Öffnungsraten, der SEO-Rankings, die Stück für Stück nach oben wandern. Datengetrieben, geduldig, methodisch. Der Grower verliebt sich nicht in die neue Idee — er verliebt sich in die zweite Nachkommastelle der Conversion-Rate.
KI hilft hier doppelt: bei der Analyse großer Datenmengen und beim schnellen Erzeugen von Testvarianten. Was früher ein Quartal Testlaufzeit kostete, lässt sich heute in Wochen durchspielen.
5. Der Maintainer — unsichtbar, bis etwas bricht
Der Maintainer hält das reife System sicher, zuverlässig und schnell, während es skaliert. Im Marketing ist das die Person, die den MarTech-Stack am Leben hält: Tracking, Consent-Management, DSGVO, E-Mail-Deliverability, sauberes Reporting. Über MCP-Server und KI-Connectoren, die Datenquellen verbinden, ohne dass etwas leckt.
Niemand redet über den Maintainer — bis das Tracking ausfällt, der Newsletter im Spam landet oder das Consent-Banner einen Datenschutzverstoß produziert. Dann ist er der wichtigste Mensch im Raum. Je größer das Marketing wird, desto teurer werden die Fehler, die diese Rolle verhindert.
Welche Rollen braucht dein Team gerade?
Boris macht einen zweiten klugen Punkt: Welcher Mix gesund ist, hängt vom Reifegrad ab. Übertragen auf eine Marke oder einen Kanal:
- Neu, noch kein Fit: Du brauchst vor allem Prototyper, Builder und Sweeper (1 + 2 + 3). Schnell testen, schnell bauen, schnell wieder verwerfen.
- Wachsend, Fit gefunden: Jetzt zählen Builder, Sweeper und Grower (2 + 3 + 4), plus etwas Maintainer. Ausbauen und optimieren, ohne Chaos.
- Etabliert, starker Fit: Sweeper, Grower und Maintainer tragen den Laden (3 + 4 + 5), mit etwas Builder für Neues am Rand.
Der häufigste Fehler in deutschen Marketing-Teams: Eine etablierte Marke beschäftigt drei Prototyper und keinen Maintainer — und wundert sich, warum das Tracking seit Wochen falsche Zahlen liefert, während fünf neue Kampagnen-Ideen im Raum stehen.
Solo und kleine Teams: alle fünf Hüte auf einem Kopf
Boris schreibt, dass viele Menschen zwei, manchmal drei Rollen abdecken. In großen Teams stimmt das. Bei Solo-Marketern und kleinen Crews sieht es anders aus: Da trägt eine Person alle fünf Hüte — oft an einem einzigen Tag.
Und genau hier wird KI interessant. Sie hebt das Limit, ab dem ein Mensch nur noch eine Rolle schafft. Der Prototyper kann heute selbst builden, weil Coding-Tools mit KI das Bauen demokratisiert haben. Der Grower kann seine Analysen selbst fahren, ohne ein Data-Team. Der Maintainer kann Routine-Checks automatisieren, statt sie manuell abzuarbeiten.
Das macht die Rollen nicht überflüssig — es macht sie zu Modi, zwischen denen du bewusst wechselst. Die Frage ist nicht mehr „bin ich Content- oder Performance-Marketer", sondern „in welchem Modus bin ich gerade, und welcher fehlt meinem Vorhaben".
Was du als Nächstes tun kannst
Schau dir dein Team oder deine eigene Woche an und frag dich: Welche der fünf Rollen ist überbesetzt, welche fehlt komplett? Bei den meisten ist es derselbe blinde Fleck — zu viel Prototyp, zu wenig Sweeper und Maintainer.
Wenn du gerade dabei bist, dein Marketing KI-fähig aufzustellen und nicht weißt, wo der Engpass sitzt: Schreib mir kurz, was bei euch ansteht — ich antworte werktags innerhalb von 24 Stunden.